Sexual Deviance as »Signal Crime«

Bearbeitungszeitraum für die Antragsskizze: 2/2010 bis 10/2010

Seit den frühen 1990er Jahren verschärft sich das Sexualstrafrecht in vielen Ländern Europas und in den USA. Als „Motor der Kriminalpolitik“ (Duttge/Hörnle/Renzikowski 2004) repräsentiert dieser Normenkomplex alle wesentlichen Merkmale des gegenwärtigen Punitivitätsstils. Dies wird abgelesen an den Ursachen, Verlaufsformen und Folgen der Strafgesetzgebung. Nach Simon (2007), der eine Führungstechnologie des governing through crime diagnostiziert, rückt Kriminalität paradigmatisch ins Zentrum der Regierungskünste (vgl. Sack 2004).

Angesichts der zunehmenden Schwächung nationalstaatlicher Politik unter globalisierten Bedingungen eröffnet die Kriminalpolitik einen politischen Nebenschauplatz. Mit einer Law-and-order-Politik kann die staatliche Lenkungskompetenz demonstriert werden. Während ehemalige wohlfahrtsstaatliche Sicherheiten unter globalisierten Bedingungen zunehmend erodieren, erweist sich die Kriminalpolitik als nationalstaatliche Bastion, die politische Regulation öffentlichkeitswirksam vorführt. An die politische Leerstelle, die das Ende der Ideologien hinterlassen hat, tritt der „symbolische Feind“ (Sasson 1995), der Verbrecher.

Die öffentliche Aufregung um Sexualdelinquenz entspricht einer klassischen Moralpanik. Die kulturellen Gefährdungsdiskurse und -erzählungen formen Vorstellungen von Kriminalität und Strafe. Je neoliberaler die Gesellschaften organisiert sind, desto entschiedener fallen die Strafforderungen der Bevölkerung aus. Straftäter werden dann als nüchtern kalkulierende Handelnde gesehen (auch wenn sie andererseits als dehumanisierte Monster begriffen werden), die eine tatproportionale Strafe verdient haben. Opferleid und Täterstrafe werden als eine Art Nullsummenspiel gegeneinander aufgerechnet. Das Sexualstrafrecht fungiert als ein Schwungrad innerhalb der punitiven Wende, das auch andere Straffelder antreibt. Sexualstraftaten fungieren dabei gleichsam als “signal crimes” (Innes 2004).

Um die allgemeinen Entwicklungen im Strafbetrieb skizzieren zu können, bietet es sich also an, das Feld der Sexualdevianz zu untersuchen. Neben einer Bestandsaufnahme von Sexualstrafgesetzen sollen Fallstudien den Verlauf der öffentlichen, politischen und legislativen Bearbeitung von sexualdevianten Ereignissen zu einem sozialen Problem nachzeichnen. Im Rahmen dieser qualitativen Forschung soll die Sicherheitspolitik mit den in der Literatur behandelten pönologischen Bezügen konfrontiert werden, etwa zum kompensatorischem Regierungshandeln, zur politisch-ökonomischen Struktur, zu den ontologischen Unsicherheiten, der Sündenbockfunktion von (Sexual)Straftätern, den kulturell vermittelten Bedrohungsszenarien, den Täterkonstruktionen usf.

 

Zuschuss: GERN

BearbeiterInnen: Dr. Daniela Klimke, Prof. Dr. Fritz Sack

Kooperanden:
Prof. Dr. Patrick Hebberecht, University of Ghent
Dr. Laurie Boussaguet, CARPO-Université de Versailles-Saint-Quentin
Prof. Dr. Keith Hayward, University of Kent
Prof. Dr. György Virág, National Institute for Criminology, Budapest

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