MORS - Migranten in Organisationen von Recht und Sicherheit

Studiengruppe zum Thema Migration und Integration (gefördert von der VolkswagenStiftung): Die Aufnahme von Migranten in die deutsche Polizei

Projektzeitraum: 2005-2008

Die Polizei, wie andere Organisationen von Recht und Sicherheit, gehört zu den Kernbereichen nationaler Identität, bildet also ein zentrales Praxisfeld, an dem sich die Integrationsfähigkeit einer Gesellschaft gegenüber ihren zugewanderten Mitgliedern erweist. Alle Einwanderungsgesellschaften befassen sich mit dem Problem, Migranten den Zugang in den Polizeidienst zu eröffnen. Das Projekt stellt empirische Recherchen an (Umfrage bei Innenbehörden, Beobachtungen zur Anwerbung und Interaktion im Beruf, Befragung der migrantischen Polizisten u.a.). In der Studiengruppe werden diese Erhebungen mit Polizeipraktikern erörtert. Experten aus den hierzu avanciertesten Ländern berichten über ihre Integrationsmodelle. Den deutschen Praktikern werden Bespiele einer good practice vorgestellt. Eine intensive Vernetzung des Forscherteams und der Polizeipraktiker berät diese Vorlagen, diskutiert die Resultate und entwickelt Ideen zum Fortgang der Integration – deren Umsetzung nicht ausgeschlossen.

Die Studiengruppe – bestehend aus Forschern und Praktikern – widmet sich der Integration von Migranten im Bereich deutscher Organisationen von Recht und Sicherheit. Ausgewählt wurde die Polizei, weil sie zum Kernbereich nationaler Identität gehört. Alle Zuwanderungsgesellschaften befassen sich mit dem brisanten Problem, ob, in welchem Ausmaß und zu welchen Bedingungen Migranten als aktive Mitglieder Zugang in den Polizeidienst bekommen sollen. Sowohl für die ethnischen Minderheiten als auch für die eingesessene Bevölkerung sowie für die Polizei selbst stehen dabei Integrationsfragen zur Debatte. Die Aufnahme ausländischer Bewerber in den Polizeidienst ist bereits in kleinen Zahlen angelaufen und beruht auf einem parteipolitisch übergreifenden Konsens, der seit 1993 artikuliert wird, oft allerdings folgenlos geblieben ist.

Der Integrationseffekt ist hoch zu veranschlagen. Der öffentliche Dienst hat immer schon als Ausgangspunkt für den Aufstieg unterprivilegierter Bevölkerungsgruppen gedient. Die staatlichen Organisationen für Recht und Sicherheit verweigern sich bislang weitgehend den Zuwanderern und hemmen damit deren Integration. Auch zögern Migranten, sich auf Stellen in diesen Behörden zu bewerben.

Unter den Rechts- und Sicherheitsorganisationen eignet sich die Polizei für unsere Fragestellung am besten; sie selbst meldet verstärkt den Bedarf nach Migranten in den eigenen Reihen an, um ihre Aufgaben besser erfüllen zu können (funktionale Begründung). Eine integrationsbezogene Begründung findet sich vornehmlich in den Äußerungen von politischer und wissenschaftlicher Seite. Durch das glückliche Zusammentreffen von Bereitschaft und Notwendigkeit kann es hier zu einer fruchtbaren Kooperation zwischen Forschung und Praxis kommen.

Die Studiengruppe setzt sich aus dem Projektteam im beantragenden Institut, hinzugezogenen ausländischen Experten und deutschen Organisationspraktikern zusammen. Seitens der Polizei sollen vor allem die Einstellungsberater angesprochen werden, weil die Erhöhung der Bewerberzahlen derzeit als vorrangig gilt, wenn der Migrantenanteil steigen soll. Die Studiengruppe konzentriert sich zunächst auf die Bundesländer NRW und Hamburg, weil hier seit einigen Jahren gezielt um Migranten geworben wird und auswertbare Erfahrungen vorliegen. In unserer Vorbereitungsgruppe wirkt ein Polizeidirektor und Dozent der Fachhochschule NRW mit, der die Wege in die Organisation ebnet.

Auf Konferenzen verschiedenen Zuschnitts sollen die Ziele des Projekts, die anzustellenden empirischen Erhebungen sowie die Erfahrungen im europäischen Ausland diskutiert, vertieft und fortgeführt werden. Wir wollen konsequent vermeiden, als Wissenschaftler die Praktiker intellektuell zu dominieren. Das Forschungspersonal entwickelt daher den Ansatz zu den Arbeitsvorhaben, deren genaue Gestalt mit Zusammenwirken mit den Praktikern festgelegt werden wird. Geplant sind:

  • eine Bestandsaufnahme zur Beschäftigung von Migranten in den Polizeien der deutschen Bundesländer,
  • Befragungen von Anwerbe- und Ausbildungsspezialisten in der Polizei sowie von migrantischen Polizeibeamten,
  • teilnehmende Beobachtungen zur Interaktion zwischen migrantischen Polizisten und der Bevölkerung.

Die Erfahrungen anderer Länder sollen für eine good practice-Analyse berücksichtigt werden. Hierzu werden solche Staaten einbezogen, die sich dem Zuwanderungsproblem gestellt haben. Der Komplex Migration/Integration/Polizei steht in den Niederlanden, Großbritannien und Belgien bereits länger auf der Tagesordnung, und »ethnisch Fremde« werden hier in teilweise beachtlicher Weise in die Polizei integriert. Auch Rückschläge und Strategieänderungen sind zu verzeichnen. Deren Kenntnisnahme verspricht, in Deutschland den Aufnahmeprozess zu beschleunigen und Fehler zu vermeiden.

Aus den Ländern NL, GB und B haben wir Experten zur Mitarbeit gewonnen, die dort jeweils in der vordersten Linie der einschlägigen Forschung stehen. Bezeichnenderweise haben zwei dieser Professoren anfänglich selber als Polizeibeamte gearbeitet – die Nähe zwischen Wissenschaft und Praxis ist in jenen Ländern viel selbstverständlicher gegeben als in Deutschland. Auch von diesem Stil der Zusammenarbeit hoffen wir zu lernen.

Geplant sind Konferenzen des Projektteams mit den Auslandsexperten, um Geschichte, sozialstrukturelle Bedingungen und Strategien der Integration der Migranten auf Forschungsniveau kennenzulernen und zu diskutieren. Dazu legen die eingeladenen Wissenschaftler Expertisen vor, die vom Projektteam synoptisch bearbeitet und mit vertiefenden Fragen versehen werden. Die erarbeiteten Texte werden ins Deutsche übersetzt und auf Praktikerkonferenzen präsentiert, wozu die Auslandsexperten geladen werden. Wir erhoffen nachhaltige Eindrücke von der authentischen Präsentation.

Weitere Praktikerkonferenzen finden statt, um die empirischen Arbeitsvorhaben vorzubereiten und zu auszuwerten. Je dichter diese Konferenzen aufeinander folgen und je personell kontinuierlicher sie besucht werden, desto größeren Effekt versprechen wir uns. Die Begegnungen zwischen den Personalreferenten der Organisation und den Vertretern der Forschung gewinnend zu gestalten, d.h. die Attraktivität der Praktikerkonferenzen zu erhöhen, gehört zu den primären Zielen der Studiengruppe. Dazu versuchen wir, die üblichen akademischen Standards mit den Kommunikationsstilen der Praktiker zu vermitteln, ohne dass eine der beiden Seiten ‚die Lust verlieren‘ müsste.

Im Hinblick auf die allgemeine Öffentlichkeit wird sich die Studiengruppe vorsichtig verhalten und nicht Publizität um jeden Preis suchen. Hintergrundsgespräche mit Fachjournalisten, Auftritte vor seriösen Gremien, Gutachten und gemeinsame Publikationen der Studiengruppe vermögen das gesellschaftliche Gespräch anzuregen; hingegen dürften Kurzberichte mit Schlagzeilenwert sich eher kontraproduktiv auswirken.

Da die Studiengruppe vor allem an innerorganisatorischen Fortschritten in der Migrantenintegration interessiert sein muss, sind auch die publizistischen Schritte mit den Praktikern abzustimmen. So verhält es sich ja mit der gesamten Arbeit in diesem Projekt: Viele Schritte sowohl der Forschung als auch der realen Integration in die Polizeiorganisation sollten zunächst ein Gesprächsgegenstand in der Studiengruppe sein. Deren Erfolg wird sich nicht zuletzt daran zu bemessen sein, wie viel Vertrauen entstanden ist und ob der Gedankenaustausch offen und gründlich verlief. Darin sehen wir die Kernbedingung für unser Ziel, den Prozess der Integration von Migranten in eine Rechtsorganisation wie die Polizei zu mobilisieren.

Drittmittel: VW-Stiftung

Bearbeiter:

BearbeiterInnen: Dr. Rafael Behr, Heike Wüller, Daniela Klimke, Daniela Hunold

Studentische Hilfskraft: Robert Siegl, Christina Schlepper

ISIP e.V.
Allende-Platz 1, 20146 Hamburg

Tel  +49 175 6076798
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