«Incivilities», Sozialkapital und Kriminalität

Eine empirische Überprüfung der "Broken Windows"-Theorie

Projektzeitraum: 11/2003 bis 12/2006

Unter den pragmatischen Kriminalitätstheorien, die sich seit einem Jahrzehnt von den USA aus verbreiten, ragt der Broken-Windows-Ansatz hervor. Populäre Bedeutung hat der Broken-Windows-Ansatz insbesondere mit der Politik der Zero-Tolerance erlangt. Die Strategie des »Wehret den Anfängen« legt den Schwerpunkt auf die formelle soziale Kontrolle der incivilities und bezieht sich damit nur auf einen Teilaspekt des Broken-Windows-Ansatzes. Mit dem Konzept des Community Policing hingegen wird der zentrale Gedanke des Broken-Windows-Ansatzes, die Stärkung der informellen sozialen Kontrolle in einem Viertel, aufgegriffen. Sowohl die Zero-Tolerance-Strategie wie auch das Community Policing Konzept rückt auf der Grundlage des Broken-Windows-Ansatzes die Herstellung von Ordnung als konstitutives Element einer Kriminalpolitik, die sich nicht mehr allein auf die Aufrechterhaltung von Sicherheit gründet, in den Vordergrund.

Diese Kriminalitätstheorie wird hier für deutsche Verhältnisse erstmals vollständig und mit Hilfe verschiedener Datenquellen überprüft. Sie hat jüngst auch in Deutschland eine hohe Praxisrelevanz erlangt: Kriminalpolitische Programme mancher Parteien und polizeiliche Taktiken vieler Großstädte folgen seit Ende der 1990er Jahre dem Broken-Windows-Gedanken. Nach unserer Explikation postuliert die Theorie bestimmte Effekte des Ausmaßes physischer Unordnung (physical disorder, physical incivilities) sowie sozialer Unordnung (social disorder, social incivilities) auf die Kriminalitätsfurcht der Bewohner und die von ihnen praktizierte informelle soziale Kontrolle im Stadtteil. Wir spezifizieren in einem multivariaten Modell die Effekte, bezogen auf Variablen wie Kriminalitätsfurcht, sozialer Rückzug der Bewohner und die damit verbundene Schwächung des sozialen Kapitals, informelle soziale Kontrolle und Kriminalität in den einzelnen Stadtvierteln. Mit einem neuen Messvorschlag wird die Kriminalitätsfurcht erfasst, wobei diese deliktspezifisch und theoriebasiert erhoben wird, um die Mehrdimensionalität des Konstrukts zu berücksichtigen. Es werden Individual- und Aggregatdaten genutzt. Untersuchungseinheiten bilden die Bewohner und Stadtteile einer norddeutschen Großstadt. Weiter werden unterschiedliche Erhebungsmethoden angewandt (standardisierte Befragung, standardisierte teilnehmende Beobachtung in den Stadtteilen, Aggregatdaten der amtlichen Statistik). Die Kriminalität wird zum einen im Hellfeld durch die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) erfasst. Zum anderen wird das Dunkelfeld der Kriminalität durch eine Opferbefragung (direkte und indirekte Viktimisierung) untersucht. Im Rahmen einer statistischen Mehrebenenanalyse sollen die Effekte der verschiedenen Ebenen auf die endogenen Variablen des theoretischen Modells analysiert und bestimmt werden. Die kriminalpolitischen Konzepte, die sich auf den Broken-Windows-Ansatz berufen und recht unreflektiert aus den USA übernommen werden, ließen sich somit erstmals empirisch auf ihre Wirksamkeit für die Bundesrepublik überprüfen.

Drittmittel: Deutsche Forschungsgemeinschaft

BearbeiterInnen: PD Dr. Christian Lüdemann; Dr. Daniela Klimke; Joachim Häfele

Veröffentlichungen

Häfele, Joachim: Die Stadt, das Fremde und die Furcht vor Kriminalität. Wiesbaden 2013

Häfele, Joachim: "Incivilities", Kriminalität und Kriminalpolitik. Aktuelle Tendenzen und Forschungs­ergebnisse. Neue Kriminalpolitik 18, 3, 2006: 104-109

Häfele, Joachim: "Incivilities" im urbanen Raum. Eine empirische Analyse in Hamburg. In: J. Schulte-Ostermann/R. S. Henrich/V. Kesoglou (Hrsg.): Praxis - Forschung - Kooperation. Gegenwärtige Tendenzen in der Kriminologie. Frankfurt am Main 2006: 185-208

Häfele, Joachim und Christian Lüdemann: "Incivilities" und Kriminalitätsfurcht im urbanen Raum - Eine Untersuchung durch Befragung und Beobachtung. Krimi­no­lo­gi­sches Jour­­nal 38, 4, 2006: 273-291

Häfele, Joachim und Christina Schlepper: Die attraktive Stadt und ihre Feinde - Neue Trends in der Hamburger Verdrängungspraxis. Forum Recht 24, 3, 2006: 76-78

Lüdemann, Christian: Zur Perzeption von "Public Bads" in Form von physical und social incivilities im städtischen Raum. Soziale Probleme 16, 1, 2005: 74-102

Lüdemann, Christian: Benachteiligte Wohngebiete, lokales Sozialkapital und "Disorder" - Eine Mehr­ebenenanalyse zu den individuellen und sozialräumlichen Determinanten der Per­zep­tion von physical und social incivilities im städtischen Raum. Mo­nats­schrift für Kri­minologie und Strafrechtsre­form 88, 4, 2005: 240-256

Lüdemann, Christian: Kri­mi­nalitätsfurcht im urbanen Raum - Eine Mehrebenenanalyse zu individuellen und sozialräumlichen Determinanten verschiedener Dimensionen von Kriminalitätsfurcht. Kölner Zeit­schrift für Sozio­logie und So­zial­psy­cho­­­lo­gie 58, 2, 2006: 285-306

Lüdemann, Christian: Soziales Kapital und soziale Kontrolle - Zu den Determinanten sozialer Kontrolle in Nachbarschaften. Kriminalistik 60, 3, 2006: 177-183

Lüdemann, Christian und Sascha Peter: Kriminalität und Sozialkapital im Stadtteil - Eine Mehrebenenanalyse zu individuellen und sozialräumlichen Determinanten von Viktimisierungen, Zeitschrift für Soziologie Heft 1, 2007: 25-42

Peter, Sascha: Individuelle und kontextuelle Determinanten individuellen Sozialkapitals. Eine statistische Mehrebenenanalyse. Diplomarbeit im Fach Soziologie an der Universität Hamburg 2006

Peter, Sascha, Christina Schlepper und Christian Lüdemann: Selbstaufrüstung des Bürgers - Eine Mehrebenenanalyse zu individuellen und sozialräumlichen Determinanten von Self-Policing-Aktivitäten der Hamburger Bevölkerung. In: D. Oberwittler/S. Rabold/D. Baier (Hrsg.): Städtische Armutsquartiere - Kriminelle Lebenswelten? Studien zu sozialräumlichen Kontexteffekten auf Jugendkriminalität und Kriminalitätswahrnehmungen. Wiesbaden 2013: 249-270

Schlepper, Christina: Responsibilisierung und Neue Kriminalprävention. "Self-Policing" in der Hamburger Bevölkerung. Diplomarbeit im Fach Kriminologie an der Universität Hamburg 2006

Schlepper, Christina, Sascha Peter und Christian Lüdemann: Self-Policing als Substitut formeller sozialer Kontrolle? Kriminologisches Journal 43, 2, 2011: 82-98

 

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Veröffentlichungen

Häfele, Joachim: "Incivilities", Kriminalität und Kriminalpolitik. Aktuelle Tendenzen und Forschungs­ergebnisse. Neue Kriminalpolitik 18, 3, 2006: 104-109

Häfele, Joachim: "Incivilities" im urbanen Raum. Eine empirische Analyse in Hamburg. Erscheint in: J. Schulte-Ostermann/R. S. Henrich/V. Kesoglou (Hrsg.): Praxis - Forschung - Kooperation. Gegenwärtige Tendenzen in der Kriminologie. Frankfurt am Main 2006

Häfele, Joachim und Christian Lüdemann: "Incivilities" und Kriminalitätsfurcht im urbanen Raum - Eine Untersuchung durch Befragung und Beobachtung. Krimi­no­lo­gi­sches Jour­­nal 38, 4, 2006: 273-291

Häfele, Joachim und Christina Schlepper: Die attraktive Stadt und ihre Feinde - Neue Trends in der Hamburger Verdrängungspraxis. Forum Recht 24, 3, 2006: 76-78

Lüdemann, Christian: Zur Perzeption von "Public Bads" in Form von physical und social incivilities im städtischen Raum. Soziale Probleme 16, 1, 2005: 74-102

Lüdemann, Christian: Benachteiligte Wohngebiete, lokales Sozialkapital und "Disorder" - Eine Mehr­ebenenanalyse zu den individuellen und sozialräumlichen Determinanten der Per­zep­tion von physical und social incivilities im städtischen Raum. Mo­nats­schrift für Kri­minologie und Strafrechtsre­form 88, 4, 2005: 240-256

Lüdemann, Christian: Kri­mi­nalitätsfurcht im urbanen Raum - Eine Mehrebenenanalyse zu individuellen und sozialräumlichen Determinanten verschiedener Dimensionen von Kriminalitätsfurcht. Kölner Zeit­schrift für Sozio­logie und So­zial­psy­cho­­­lo­gie 58, 2, 2006: 285-306

Lüdemann, Christian: Soziales Kapital und soziale Kontrolle - Zu den Determinanten sozialer Kontrolle in Nachbarschaften. Kriminalistik 60, 3, 2006: 177-183

Lüdemann, Christian: Urbaner Verfall und Wohnzufriedenheit - Eine Mehrebenenanalyse zu individuellen und sozialräumlichen Determinanten individueller Wohnzufriedenheit. Zur Publikation eingereicht 2007

Lüdemann, Christian und Sascha Peter: Kriminalität und Sozialkapital im Stadtteil - Eine Mehrebenenanalyse zu individuellen und sozialräumlichen Determinanten von Viktimisierungen, Zeitschrift für Soziologie Heft 1, 2007: 25-42

Peter, Sascha: Individuelle und kontextuelle Determinanten individuellen Sozialkapitals. Eine statistische Mehrebenenanalyse. Diplomarbeit im Fach Soziologie an der Universität Hamburg 2006

Peter, Sascha, Christina Schlepper und Christian Lüdemann: Selbstaufrüstung des Bürgers - Eine Mehrebenenanalyse zu individuellen und sozialräumlichen Determinanten von Self-Policing-Aktivitäten der Hamburger Bevölkerung, erscheint in: D. Oberwittler/J. Friedrichs (Hrsg.): Sozialräumlicher Kontext und Kriminalität. 

Schlepper, Christina: Responsibilisierung und Neue Kriminalprävention. "Self-Policing" in der Hamburger Bevölkerung. Diplomarbeit im Fach Kriminologie an der Universität Hamburg 2006

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